Fred Vargas im Interview

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»Ich habe nur ein Ziel, eine gute Geschichte zu
erzählen.« Fred Vargas im Interview
 

 

Lire: Was sind Ihre ersten Anhaltspunkte, um ein Buch zu beginnen?

 

Fred Vargas: Am Anfang von »Die Nacht des Zorns« hatte ich zwar einen Mörder im Kopf, aber ich wusste noch nicht viel über seine Motive. Allerdings kann ich ohne Mörder auch keinen Krimi anfangen. Ich wusste außerdem, dass eine der Figuren sechs Finger haben würde. Aber wozu sollte das gut sein? Das war mir ein Rätsel. Und mir war auch klar, dass jemand dabei sein würde, der beim Sprechen die Buchstaben verdreht. Das gibt es übrigens wirklich. Ich kenne jemanden, der so redet. Nur wie um Himmels willen sollte ich so jemanden in meiner Geschichte unterbringen? Ich hatte keine Ahnung. Aber nur so macht es mir wirklich Spaß, ein neues Buch anzufangen.

 

Lire: Und wie schreiben Sie? Schnell, langsam oder Stück für Stück?

 

Fred Vargas: Ich schreibe drei Wochen lang durch. Sobald der Film in meinem Kopf läuft, ist es, als würde ich ihn direkt vor mir sehen. Ich habe kein Problem mit leeren Seiten. Wenn ich erst einmal zwei, drei Kapitel habe, muss ich nur noch dem Film folgen und nacherzählen, was ich sehe. Es scheint vielleicht so, als würde ich das alles wahnsinnig schnell machen, aber danach kommt die echte »Autorenarbeit«, und ich brauche noch einmal sechs Monate zum Überarbeiten.

 

Lire: Und keinerlei Anspielungen auf das Persönliche?

 

 Fred Vargas: Alles, was autobiographische Züge tragen könnte, lasse ich raus. Alles, was einen Bezug zur aktuellen Politik herstellen könnte, vermeide ich genauso. Obwohl es mir sehr am Herzen liegt. Aber ich versuche mich zurückzuhalten. Denn entweder schreibe ich ein politisches Buch, einen Essay, oder ich schreibe Fiktion, die auf ihre Weise eine Botschaft vermittelt. Das erinnert mich an den Satz von Stendhal in »Rot und Schwarz«: Die Politik schnürt der Literatur den Hals zu. Aber ich bin ja nicht Stendhal und ertappe mich jedes Mal dabei, wie ich doch die eine oder andere politische Bemerkung in den Text mit einbaue. Obwohl es vom literarischen Standpunkt aus nicht vertretbar ist!

 

 

 Bei »Die Nacht des Zorns« konnte ich es einfach nicht lassen, so dass es bis zum Schluss drin geblieben ist. Aber im letzten Durchgang habe ich es wieder etwas abgemildert. Ich lese den gesamten Text ungefähr vierzig Mal und mache vierzig Korrekturdurchgänge. Am Ende bin ich vollkommen erschöpft und kann das Buch nicht mehr sehen. Weil noch vieles hölzern klingt, vor allem innerhalb der Dialoge. Es ist absolut falsch zu glauben, dass das, was sich leicht liest, auch leicht zu schreiben ist: Es ist die Hölle.

 

Lire: Und wer liest dann diesen in Klausur ausgearbeiteten Entwurf?

 

Fred Vargas: Ich fertige immer fünf Ausgaben dieser ersten vollständigen Version an, bevor meine Schwester Jo dann mit der Lektüre anfängt. Sie ist Malerin und an den Seitenrändern hinterlässt sie kleine Skizzen, die entweder ein Lächeln meinen oder ein »Das geht noch besser«. Meine Mutter und mein Sohn lesen auch jeweils mit und machen ihre Anmerkungen: Während meine Mutter aus der Wissenschaft kommt und viel stärker auf die logischen Zusammenhänge achtet, widmet sich mein Sohn den Dialogen, vor allem, wenn sie zu lang geworden sind. Er fischt außerdem Wortwiederholungen und alles, was nicht logisch ist, heraus. Er hat mich schon ganz schön ins Schwitzen gebracht mit seinem mathematischen Verstand.

 

Lire: Warum ist Kommissar Adamsberg seit einigen Jahren die Hauptfi gur Ihrer Romane?

 

Fred Vargas: Im Moment ist Adamsberg einfach da. Wenn ich daran denke, einen Krimi mit Adamsberg zu schreiben, habe ich sofort Lust, ihn in Szene zu setzen, weil ich ihn so gut kenne und sein Wesen noch nicht satthabe. Ich mag ihn wirklich gern und würde ihn niemals töten.

 

Auszüge aus einem Interview mit der Zeitschrift LIRE, übersetzt von Johanna Links

 


 

» Für mich ist es sehr wichtig beim Schreiben, mich mit einer netten Truppe zu umgeben, vermutlich weil ich eine Einzelgängerin bin.«
Fred Vargas