Paula McLain über Fiktion und Wahrheitsgehalt in Madame Hemingway

 

Ernest Hemingway schreibt im Vorwort zu seinen Erinnerungen Paris – Ein Fest fürs Leben: „Wenn es der Leser vorzieht, kann dieses Buch auch als ein Werk der Phantasie angesehen werden. Aber es besteht immer die Chance, dass solch ein Werk der Phantasie einiges Licht auf das wirft, was als Tatsache geschrieben worden ist.“ Ich hoffe, dass mein Roman nicht nur die Fakten über die Pariser Jahre von Ernest und Hadley wiedergibt, sondern auch das Wesen dieser Zeit und ihrer tiefen Verbindung beleuchtet, indem er das Erfundene mit dem unbestreitbar Realen verbindet.  

Ich begann meine Recherche für dieses Buch mit dem Lesen von Biographien über Hemingway und Hadley sowie ihres herrlichen Briefwechsels. Schnell wurde mir klar, dass der tatsächliche Verlauf ihrer Ehe bereits eine nahezu perfekte Geschichte abgab. Der Roman war sozusagen schon vorhanden, hing reif am Baum und brauchte nur noch gepflückt zu werden. Ich musste für die beiden keinen Plot erfinden und hatte auch gar nicht die Absicht dazu. Ich hatte mir stattdessen vorgenommen, den Rahmen des historisch Dokumentierten zu nutzen, um in die Herzen und Gedanken dieser Figuren vorzudringen, zu erkunden, was sie antrieb und was ihre verborgensten Wünsche waren.

Der wichtigste Arbeitsschritt für mich war es, Hadleys Stimme richtig hinzubekommen. In Paris – Ein Fest fürs Leben hat sie nur wenige, aber äußerst plastische Dialogzeilen. Ich las außerdem die Briefe, die sie in jener Zeit an Ernest schrieb, als er um sie warb, und sie gaben mir schließlich das sichere Gefühl, dass ich dieses Buch würde schreiben können. Der Rhythmus ihrer Sprache, ihre Intelligenz, ihre Anmut und ihr Sinn für Humor treten darin deutlich und  überschäumend zutage. Ich habe mich glatt in sie verliebt, eigentlich sogar in sie beide.

Der Moment, in dem man wirklich beginnt, die Stimme einer Figur zu vernehmen, hat etwas Magisches. Man wird in ihr Bewusstsein hineingezogen und sieht die Welt aus ihrem ganz persönlichen Blickwinkel. Dabei entwickelt sich eine Geschichte, die nur von dieser Figur selbst erzählt werden kann. Aus diesem Grund habe ich auch am Ende beschlossen, ein paar ausgewählte Passagen aus Ernests Perspektive zu schreiben. Um einige seiner Entscheidungen besser zu verstehen, musste ich mich auch in ihn hineinversetzen. Und er ist wirklich ein wahnsinnig komplexer Charakter. Ihre gemeinsame Geschichte ist manchmal nicht leicht nachzuvollziehen, doch ich brauchte dieses Verständnis, um mich wirklich in der Welt zurechtzufinden, die ich erfinden musste: ihrer inneren Welt. In den meisten Biographien über Hemingway wird Hadley nur kurz als „erste Ehefrau“ abgehandelt, als ein fehlgeschlagenes Experiment seiner Jugend. Ihre emotionale Krise, jene schreckliche Zeit im Frühling und Sommer, in der Hadley erfährt, dass Ernest sie betrügt, nimmt in einer bedeutenden Biographie nur ein paar knappe Seiten in Anspruch, wohingegen sie den Kern meiner Geschichte darstellt. Ich habe alles erfunden, worüber ich nichts Sicheres wissen konnte, etwa die gesamten Dialoge im Roman. Auf einer tieferen Ebene, auf der einem keine Biographie der Welt weiterhelfen kann, wusste ich allerdings bereits, was im Herzen der Geschichte lag.

Die zwanziger Jahre in Paris waren eine einmalige Zeit, und das Leben der Hemingways dort war voller unglaublicher Abenteuer und unwiderstehlicher Begegnungen, so dass ich unendlich dankbar bin, diese Jahre noch einmal mit ihnen durchlebt haben zu dürfen. Ich hatte als Autorin zweifellos noch nie so viel Spaß wie bei der Arbeit an diesem Buch. Diese Zeit werde ich niemals vergessen.

 

Ein Gespräch mit Paula McLain

 

Hadley Richardson war Ernest Hemingways erste Ehefrau. Dennoch ist sie kaum bekannt, eine Randfigur der Literaturgeschichte. Weshalb haben Sie sich entschlossen, einen Roman über sie zu schreiben?

Das erste Mal stieß ich auf Hadley beim Lesen von Paris – Ein Fest fürs Leben, Hemingways bemerkenswerten Memoiren über seine Pariser Zeit. Seine Erinnerungen an Hadley waren so bewegend, dass ich begann, nach Biographien über ihr Leben zu suchen. Ich wusste schon bald, dass ich auf etwas ganz Besonderes gestoßen war. Ihre Stimme und der Verlauf ihres Lebens fesselten mich auf Anhieb. Sie ist in der Lage, uns eine Seite von Hemingway zu zeigen, die wir so noch nicht gesehen haben, eine sanfte, verletzliche und sehr menschliche Seite. Aber sie ist auch ganz für sich allein genommen ein außergewöhnlicher Mensch.
Für viele ist Hadley lediglich Hemingways „Pariser Ehefrau“, so wie Pauline Pfeiffer als seine „Key-West-Ehefrau“ und Martha Gellhorn als seine „Spanischer-Bürgerkriegs-Ehefrau“ bekannt wurden. Dabei war Hadley entscheidend für sein weiteres Leben und auch seine Karriere. Ohne ihren Einfluss wäre er nicht zu dem Schriftsteller geworden, den wir heute kennen.

 

Wie kam es, dass Hadley und Ernest sich ineinander verliebten? Viele ihrer Freunde fanden, dass sie nicht zueinander passten, hauptsächlich weil Hadley mehrere Jahre älter und weniger weltgewandt als ihr Ehemann war.

Ernest war noch so jung, als er ihr ganz spontan in einem Brief den Antrag machte, doch er schien instinktiv zu wissen, dass er, wenn er seine ehrgeizigen kreativen Träume verfolgen wollte, jemanden wie Hadley als Anker brauchen würde, jemanden, der nicht nur stabil und verlässlich, sondern auch absolut echt war. Auch sie glaubte an das Wesen ihrer Partnerschaft, das darin bestand, dass sie beide das Beste aus dem anderen hervorholten, und konnte so diesen großen Schritt wagen. Und das war es wirklich für sie, das „viktorianische“ Kleinstadt-Mädchen, das ins Paris der Boheme zieht. Doch ihr Mut machte sich tausendfach bezahlt. Später sagte sie einmal, als sie beschloss, ihren Stern mit dem von Ernest zu verbinden, sei sie zum Leben explodiert.


Der Ernest Hemingway, den wir in Madame Hemingway – durch Hadleys Augen gesehen – kennenlernen, unterscheidet sich von dem Bild, das sich viele von ihm gemacht haben. Wie war er als junger Mann und angehender Schriftsteller?

Der Ruf und der Mythos des späteren Hemingway, geprägt von Großspurigkeit und Heldentaten, steht in scharfem Kontrast zu der Person, die er in seinen Zwanzigern war, was ihm in meinen Augen eine noch größere Faszination verleiht. Als junger Mann hatte er unvorstellbar große Ideale, war sensibel und leicht verletzbar. Hadley sprach oft von seinen dunklen Augen, die jeden Gedanken und jedes Gefühl offenbarten. Sie wusste immer, wann sie ihn verletzt hatte, und bekam sogleich ein schlechtes Gewissen. Ich denke, diese Verletzlichkeit allein wird viele Leser überraschen.


In Madame Hemingway erblüht die Romanze von Ernest und Hadley in einem regen Briefwechsel. Er macht ihr sogar schriftlich einen Heiratsantrag. Haben diese Briefe reale Vorlagen, und können Sie sich vorstellen, dass etwas Vergleichbares in der heutigen Welt stattfinden könnte?

Ernest und Hadley haben die Briefträger von St. Louis und Chicago ziemlich auf Trab gehalten. Sie schickten Hunderte und Aberhunderte von Seiten hin und her, und im wesentlichen haben sie sich auf diese Weise ineinander verliebt. Die meisten Briefe von Ernest an Hadley sind verloren gegangen oder vernichtet worden, doch er hat jeden einzelnen ihrer Briefe aufbewahrt. Ihre Anmut und Offenheit und ihr gewinnender Humor kommen in jeder Zeile zum Vorschein. Zum Beispiel schrieb sie in ihrem ersten Brief an ihn: „Wollen wir in der Küche eine Zigarette rauchen? Ich hätte Lust!“ Beim Lesen habe ich mich, genau wie Ernest, in sie verliebt!

 

Ihre Ehe überlebte immerhin mehrere Jahre in einem unbürgerlichen Umfeld, das die Monogamie ablehnte. Was machte ihre Partnerschaft so stark und erfolgreich?

Sie besaßen ein tiefgehendes Verständnis füreinander und wussten, dass ihre Beziehung etwas Solides und Wahres und unendlich Seltenes war. Er half ihr, sich zu öffnen, und ermutigte sie, mehr vom Leben zu erwarten und es mit mehr Leidenschaft zu leben. Dafür fand er bei ihr Zuflucht, fühlte sich sicher und geliebt und hatte die Möglichkeit, sein Genie frei zu entfalten. Sie ergänzten sich geradezu perfekt.

 

Madame Hemingway ist größtenteils aus Hadleys Sicht geschrieben, doch Sie haben sich dazu entschieden, ein paar Passagen aus Ernests Perspektive zu schildern. Vor welche Herausforderungen hat es Sie gestellt, ihre Ehe und die Welt durch seine Augen zu sehen und zu beschreiben?

Die größte Herausforderung für mich war es, daran zu glauben, dass ich in der Lage war, seine Stimme und sein Bewusstsein zu durchdringen und wiederzugeben. Dieser schlanke, muskulöse Prosastil fühlte sich zunächst befremdlich an, da er überhaupt nicht meinem natürlichen Stil entsprach, doch am Ende empfand ich es auch als befreiend und hatte großen Spaß an diesen Passagen.
Die Welt der beiden aus seinem Blickwinkel zu sehen, hat mir sicher auch geholfen, ihn besser kennenzulernen und Sympathie für ihn zu entwickeln. Meine Darstellung ist dadurch viel komplexer und ausgewogener und meines Erachtens auch wahrer als das, was ich ursprünglich schreiben wollte.

 

Eine der herzzerreißendsten Stellen des Buches ist die, in der Hadley die Tasche verliert, in der sich Ernests gesamte Arbeiten bis zu jenem Tag befinden. Ist das tatsächlich passiert? Markierte dieses Ereignis einen Wendepunkt in ihrer Ehe und wenn ja, was genau hat sich danach verändert?

Das ist unglücklicherweise wirklich geschehen, und in gewisser Weise hat sich ihre Ehe niemals davon erholt. Nicht, dass Ernest glaubte, Hadley habe die Manuskripte mit Absicht verloren, um seine Karriere zu sabotieren (wie manche Biographen und Kritiker vermuteten), doch das Ereignis stellte einen vielleicht nicht wiedergutzumachenden Bruch dar. Ernest brauchte absolute Loyalität und Verlässlichkeit, und er begann sich nun zu fragen, ob er ihr vertrauen konnte. Noch gewichtiger war die Frage, ob sie wirklich verstand, was seine Arbeit ihm bedeutete, wie sehr sie Teil seiner Seele war. Wenn sie die Manuskripte unbeaufsichtigt im Zug liegen ließ, war ihr dann überhaupt bewusst, wie unersetzlich wertvoll sie waren?

 

Sie schreiben in Madame Hemingway an der Stelle, an der Ernest seinen Vertrag für In unserer Zeit bekommt: „Er würde nie wieder unbekannt sein. Wir würden nie wieder so glücklich sein.“ Wie wirkte sich der Ruhm auf Ernest und auf seine Beziehung zu Hadley aus?

Es ist sehr verführerisch, wenn kluge Leute einem ins Ohr flüstern, man sei ein Genie. Für Ernest war es zu viel. Je empfänglicher er für die Meinungen und Manipulationen anderer wurde, desto mehr verlor er aus dem Blick, was er immer bewundert und für wahr gehalten hatte. Einige seiner Freunde waren der Ansicht, er brauche eine Frau, die ein höheres Tempo vorlegte als Hadley, die ihm helfen konnte, die nächste Stufe seiner Karriere zu erreichen. Er hat sich selbst nie verziehen, dass er auf diese Ratschläge gehört hat.

 

Durch Hadleys Augen sehen wir, dass Paris sich im Laufe ihrer Ehejahre veränderte. Inwiefern?

Das Nachkriegs-Paris schien immer unsicherer und desillusionierter zu werden, was traditionelle Werte betraf, und dagegen fasziniert von allem schockierend Neuen zu sein. Auf Ernest übt dies einen magnetischen Sog aus, während Hadley sich fragt, ob sie ihren Ehemann überhaupt noch wiedererkennt und ob ihr seine Veränderung zusagt. Diese Spannung wird mit der Zeit größer und markiert den Beginn ihrer Entzweiung – was umso tragischer ist, wenn man sich bewusst macht, dass Ernest später alles darum gegeben hätte, um zu dem einfachen Glück der Pariser Anfangsjahre und zugleich der besten Zeit seines Lebens mit Hadley zurückzukehren.

 

In welcher Weise hatte sich Hadley am Ende ihrer Ehe verändert?

Auch wenn die Ehe der Hemingways zerbrach, ist Hadley dankbar, Ernest gekannt und geliebt zu haben. Wenn man sich den emotionalen Schmerz und die körperlichen Einschränkungen ihrer Jugend vor Augen hält, erkennt man, wie dramatisch ihre Veränderung ist. In ihren Jahren mit Ernest blüht sie auf und entdeckt in sich eine Stärke und Widerstandsfähigkeit, die ihr zuvor nicht bewusst waren. Und auch die Geburt ihres Sohnes verändert sie: Sie findet ihren Sinn im Leben, ihren Kern. Am Ende helfen ihr die Ressourcen, die sie während ihrer Ehe mit Ernest entdeckt hat, den Schmerz der Trennung zu überstehen.


Glauben Sie, Ernest war am Ende bewusst, was er verloren hatte?

Ja. Seine drei weiteren Ehen waren alle geprägt von Streit und Unruhe. Gegen Ende seines Lebens sehnte er sich ganz offensichtlich nach der Unschuld und der reinen Güte zurück, die sein Leben mit Hadley ausgemacht hatten. In Paris – Ein Fest fürs Leben kommt diese Sehnsucht auf ergreifende Weise zum Ausdruck. „Je mehr deiner Geschlechtsgenossinnen ich kennenlerne, desto höher schätze ich dich“, schrieb er Hadley im Jahr 1940. In seiner Vorstellung blieb sie unverdorben als Ideal, das ihn stets daran erinnerte, dass er das größte Glück und die wahrhaftigste Liebe seines Lebens damals mit ihr gefunden hatte.