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»Mittlerweile macht Fontane süchtig, beinahe. So hat er jetzt eine treue und noch wachsende Gemeinde. Er ist ein Unterhaltungsschriftsteller geblieben und ein Klassiker geworden. Welch ein ungewöhnlicher Triumph für einen Autor, dem man einst das Leichte verübelt, das Anmutige vorgeworfen und das Charmante verargt hat!«
FAZ
»Lange hat man ihn unterschätzt: Das Leichte wurde als leichtsinnig verpönt, das unterhaltsame als gefällig missverstanden, das Charmante gar als undeutsch beschimpft. Doch längst hat sich das Urteil durchgesetzt, dass er der größte deutsche Romancier der Epoche zwischen Goethe und Thomas Mann ist.
Marcel Reich-Ranicki «
FAZ
»Blickwechsel
Zur Neuausgabe von Theodor Fontanes Roman „Stine“ innerhalb der „Großen Brandenburger Ausgabe“, Berlin 2000
von Tilman Spreckelsen
Für die Tombola des Berliner Pressefestes im Jahr 1891 stiftete auch Theodor Fontane einen Preis. Er trennte sich von einem Exemplar seines neuen Romans „Stine“ und fügt ein Gedicht bei, das den möglicherweise enttäuschten Gewinner des Bandes trösten sollte: „Will dir unter den Puppen allen / Grade ´Stine´ nicht recht gefallen, / Wisse, ich finde sie selbst nur soso, - / Aber die Witwe Pittelkow!“
Wer die Aufmerksamkeit des künftigen Lesers so deutlich von der titelgebenden Figur weglenken will und statt dessen auf eine scheinbare Nebenfigur verweist, der ist sich der unmittelbaren Wirkung seiner hauptsächlichen Romanhandlung offenbar nicht ganz sicher. Tatsächlich erweckt die Liebesgeschichte, die sich zwischen der Näherin Stine und dem kränkelnden Grafen Waldemar entspinnt, zunächst kaum die emotionale Beteiligung des Lesers (später allerdings um so mehr), während etwa Lene und Botho aus Fontanes fast gleichzeitig entstandenem Roman „Irrungen, Wirrungen“ diese Beteiligung von der ersten Seite an unabweisbar einfordern.
Der kräftige Hinweis des Tombolagedichts auf „die Witwe Pittelkow“, Stines schöne Schwester Pauline, lenkt das Augenmerk dagegen auf eine auffällige Qualität des Romans, der eine detailgenaue, unwiderstehlich frische Schilderung des Arbeiterbezirks rund um die Invalidenstraße liefert, indem vor allem die Wohn- und Lebensverhältnisse Paulines ausgiebig beleuchtet werden: Stines ältere Schwester läßt sich von einem alten Grafen aushalten, der sich „Sarastro“ nennt und von Zeit zu Zeit in der Invalidenstraße aufzukreuzen pflegt, um mit der Witwe Pittelkow zu feiern. Meist bringt er den befreundeten Baron „Papageno“ mit, während die Gastgeberin ihre Freundin Wanda dazubittet. Auf einem dieser Abende lernen sich die ebenfalls geladene Stine und Waldemar kennen; der junge Graf ist ein Neffe Sarastros. Aus häufigen Besuchen Waldemars in Stines Dachzimmer wird allmählich eine größere Vertrautheit, schließlich ein Liebesverhältnis, doch als Stine sich weigert, den Grafen zu heiraten, bringt er sich um.
Der schmale Roman „Stine“ ist jetzt in der Großen Brandenburger Fontane-Ausgabe erschienen, in der bisher 10 Bände, die Hälfte des erzählerischen Werks, vorliegen. Der Zugewinn gegenüber allen vorhandenen Ausgaben besteht in der authentischen Textdarbietung nach der Erstausgabe und im reichhaltigen Anhang, der bei „Stine“ fast die Hälfte des Bandes ausmacht. Die Herausgeberin Christine Hehle untersucht die Entstehung und Wirkung des Romans anhand zahlreicher Briefe und Rezensionen, sie arbeitet die wissenschaftliche Literatur zu „Stine“ auf und vollbringt das Kunststück, ein überaus durchdachtes und inhaltsreiches Nachwort mit erzählerischer Leichtigkeit darzubieten. Die Anmerkungen zum Text lassen keinen Wunsch offen, und eine zeitgenössische Karte der beschriebenen Viertel Berlins rundet den Anhang ab.
So lädt die neue Ausgabe zu einer Wiederentdeckung des Romans ein. Daß sich diese lohnt, schon allein um die ungewöhnliche Artistik des Werks zu genießen, wird deutlich, wenn man den Hinweisen des Autors folgt, die auf eine feine und ungemein überzeugende Eigenheit des Romans verweisen. Denn wie in keinem anderen Werk Fontanes thematisiert „Stine“ das Sehen (und läßt das Sprechen, in Form von geschliffenen Dialogen geradezu ein Markenzeichen anderer Romane des Autors, völlig dahinter zurückstehen). Es ist der Roman der Blicke, dessen Figuren die wesentlichen Dinge eben nicht durch Sprache, sondern mit den Augen verhandeln. Das beginnt gleich beim allerersten Satz („In der Invalidenstraße sah es aus wie gewöhnlich“), der ersten Szene, die in doppelt gebrochener Blickperspektive dargeboten wird, zieht sich als roter Faden durch die Erzählung, in der nicht zufällig Fenster und Spiegel eine große Rolle spielen, und findet einen ersten, fast überdeutlichen Höhepunkt auf der immer ausgelasseneren Feier in der Invalidenstraße. Hier zerfällt die Gesellschaft klar in zwei Gruppen, deren eine immer lauter wird und dabei eine fragwürdige Zusammengehörigkeit vorgibt, während die andere eine nachhaltig stabile Verbindung durch Schweigen und Augensprache entwickelt: „Wanda war glücklich und gab immer Neues zum besten, wobei die Pittelkow, die viel Gehör hatte, die zweite Stimme sang, während Sarastro mit seinem Baß und der nach wie vor am Klavier begleitende Papageno mit seinem schadhaft gewordenen Bariton einfielen. Nur der junge Graf und Stine schwiegen und wechselten Blicke.“
Die Grenzüberschreitungen der gesellschaftlichen Sphären, die Christine Hehle in ihrem Nachwort untersucht und einleuchtend mit Fontanes Topographie der neuen Hauptstadt verbindet, finden hier ihre Entsprechung. Denn wo Königskinder nicht zueinander kommen können, weil das Wasser zu tief ist, können sie immer noch Blicke wechseln.
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Junge Welt
»Am Ende führt bei Fontane alles ins Menschliche ... auch dies ein Grund für seine Beliebtheit über eine Zeit hinweg, die nur wenige Schreibende erreichen.
Das Gute ist eben gut, wenn es gut ist. Nun ja, das ist dann auch ein weites Feld.«
Literaturen
»In "Stine" endet der Sieg des Alltags über das Schicksal noch tödlich; und auf eine eher konventionelle Weise rundet sich damit der Spannungsbogen des Romans.«
Literaturen
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Produktbeschreibung
Ein meisterhafter Kurzroman und ein Plädoyer für Menschlichkeit
In der Invalidenstraße 98e steigt wieder mal eine Fete. Der alte Graf und Lebemann hat sich bei der temperamentvollen jungen Witwe Pauline Pittelkow, seinem "Verhältnis", zu einer vergnüglichen Sause angesagt und an diesem Abend seinen Neffen Waldemar mitgebracht. Während es auf berlinische Weise hoch hergeht, die Trinksprüche immer gewagter, die szenischen Einlagen einer urkomischen Vorstadttragödin immer ausgelassener werden, fühlt sich der junge Graf von Haldern von Stines stillem Wesen angezogen. Sie, die gegensätzliche Schwester Paulines, wirkt mit ihrer Natürlichkeit so stark auf den kränklichen Waldemar, daß dieser alle Kraft zusammennimmt und Stine einen Antrag macht. Seine Familie will er verlassen, die Heimat aufgeben und in Amerika eine unabhängige Existenz gründen. Doch das Mädchen weiß, daß es keine Stine von Haldern geben wird. Ihr Nein nimmt dem jungen Mann allen Mut, auch den zum Leben.
Nachdem große Zeitschriften und selbst die "Vossin" einen Vorabdruck abgelehnt hatten, erschien "Stine" zuerst 1890 in der naturalistischen Wochenschrift "Deutschland". Kurz darauf folgte die Buchausgabe. Christine Hehle, die Herausgeberin von "Unterm Birnbaum" und "Effi Briest", deren neuartige Kommentare viel beachtet wurden, erörtert anhand dieses kleinen meisterlichen Romans, wie Fontane die Berliner Topographie der siebziger Jahre in sein imaginäres Fontanopolis verwandelt.
In der Invalidenstraße 98e steigt wieder mal eine Fete. Der alte Graf und Lebemann hat sich bei der temperamentvollen jungen Witwe Pauline Pittelkow, seinem "Verhältnis", zu einer vergnüglichen Sause angesagt und an diesem Abend seinen Neffen Waldemar mitgebracht. Während es auf berlinische Weise hoch hergeht, die Trinksprüche immer gewagter, die szenischen Einlagen einer urkomischen Vorstadttragödin immer ausgelassener werden, fühlt sich der junge Graf von Haldern von Stines stillem Wesen angezogen. Sie, die gegensätzliche Schwester Paulines, wirkt mit ihrer Natürlichkeit so stark auf den kränklichen Waldemar, daß dieser alle Kraft zusammennimmt und Stine einen Antrag macht. Seine Familie will er verlassen, die Heimat aufgeben und in Amerika eine unabhängige Existenz gründen. Doch das Mädchen weiß, daß es keine Stine von Haldern geben wird. Ihr Nein nimmt dem jungen Mann allen Mut, auch den zum Leben.
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