Brisante Enthüllung: Wer erfand das Abendland?

 

Teaser Bild: Wer erfand das Abendland?

 

 

Brisante Enthüllung: Wer erfand das Abendland? Die Geschichte eines ungeheuerlichen Komplotts.

 

 

  

»Das Römische Reich, das antike Griechenland und das alte Ägypten hat es niemals gegeben, sie sind das Ergebnis einer kolossalen, von mittelalterlichen Mönchen durchgeführten Fälschungsaktion. Platon und Aristoteles, Julius Cäsar und Cicero sind bloße Erfindungen, ihre Werke wurden erst Jahrhunderte nach Christus verfasst. Heute leben wir nicht im Jahre 2011, sondern um 1700, möglicherweise sogar erst um 1000 n. Chr.«

 

Diesen aufsehenerregenden Thesen widmet sich »Das Mysterium der Zeit«, der neue Roman des italienischen Autorenduos Rita Monaldi und Francesco Sorti. Über drei Jahre lang recherchierten sie hierfür zusammen mit einem zehnköpfigen Expertenteam aus Graphologen, Übersetzern und Bibelforschern.


Die These, die klassische Antike – ihre Geschichte, Literatur und Philosophie – sei reine Fiktion, formulierte erstmals ein Mitglied des Jesuitenordens, Jean Hardouin (1646-1729). Dieser behauptete, eine Art Geheimcode ermittelt zu haben, den Fälschergruppen im 13. und 14. Jahrhundert erfunden hätten, um die von ihnen verfassten »klassischen« Manuskripte als Fälschungen zu kennzeichnen. So würden verschlüsselte Verweise auf spätere historische Ereignisse davon zeugen, dass die Meisterwerke Vergils und Lukrez’, Platons und Aristoteles’ mittelalterliche Ursprünge haben, also nicht vor, sondern Jahrhunderte nach Christus verfasst wurden. In der wissenschaftlichen Sphäre fand diese schwer verdauliche Theorie natürlich kein Gehör, im Gegenteil: Die Vorsteher des Jesuitenordens verbaten eine Veröffentlichung der Schriften und brachten Hardouin so zum Schweigen. 


Seine Aufzeichnungen, die in der Bibliothèque Nationale in Paris aufbewahrt werden, wurden bis heute von keinem Experten untersucht. Monaldi & Sorti haben nun erstmals Hardouins Thesen geprüft und konnten tatsächlich anhand seiner Anweisungen in einigen von Platons Werken den besagten Geheimcode ausfindig machen. Darüber hinaus haben sie dafür gesorgt, dass die Schriften eingescannt und auf der Webseite des niederländischen Verlages De Bezige Bij dem Publikum zur Verfügung gestellt werden.


 Noch unfassbarer als die Fälschungsaktion der Mönche sind in den Augen der Autoren die Machenschaften Joseph Scaligers (1540-1609), des berühmten und bis heute an Universitäten hochgeschätzten französischen Gelehrten, der jene Zeitachsen entwarf, auf denen die Weltgeschichte, so wie wir sie kennen, basiert. Scaliger fälschte hierfür eine Reihe griechischer Texte, um die Datierung der Ereignisse der Antike zu vereinfachen. In anderen Worten ist der Wissenschaftler, der als Erster die Geschichte der Menschheit chronologisch ordnete, nichts anderes als ein Betrüger und Hochstapler, der Urheber der »erfundenen Zeit«. 


Ausgehend von diesen Kenntnissen über die rege Fälscheraktivität im Mittelalter werden in Deutschland, Russland und Großbritannien seit Jahrzehnten lebhafte Debatten über den umstrittenen »offiziellen« Geschichtsverlaufs geführt, die allerdings keinerlei Beachtung bei den Medien finden. Einige Chronologiekritiker gehen sogar so weit zu behaupten, man habe die moderne Menschheitsgeschichte um ganze zehn Jahrhunderte verlängert, Jesus sei in Wirklichkeit erst um 1053 geboren worden.

 

 


Doch trotz dieser historischen Hintergründe ist »Mysterium« kein wissenschaftliches Traktat, im Gegenteil: Es ist ein Roman, der seinem Namen gerecht wird – voller Spannung und rätselhafter Ereignisse. Im Mittelpunkt der Handlung steht eine wahre Begebenheit: ein Mord, der vor 350 Jahren in Rom begangen wurde und dessen obskure Umstände Monaldi & Sorti nun Stück für Stück rekonstruieren. Jean-Jacques Bouchard (1606-1641), ein brillanter junger Gelehrter aus Paris, der sich nach Rom begab, um ein antikes griechisches Manuskript über den Ursprung der Welt, das jahrhundertelang verloren geglaubt war, zu studieren, wurde am Abend des 20. März 1641 auf dem Petersplatz angegriffen und starb fünf Monate später an den Folgen des Überfalls. Niemand wurde je des Verbrechens angeklagt.


 Unter den Unterlagen, welche er dem bekannten Gelehrten Cassiano dal Pozzo hinterließ, fand sich ein intimes Tagebuch voller pikanter Details über sein Sexualleben. Der Fund löste einen Skandal aus, der sich bis nach Paris ausbreitete und dazu führte, dass Bouchards Schaffen als Philologe gänzlich in Vergessenheit geriet. Doch niemand scheint je die Ungereimtheiten des Falles bemerkt zu haben: Wie kann es sein, dass Bouchard, der bis zu seinem Tode ein Bischofsamt anstrebte, seine kompromittierenden Bekenntnisse nicht vernichtete?


Monaldi & Sorti ließen das Tagebuch von Graphologen untersuchen: Tatsächlich deutet Bouchards Handschrift darauf hin, dass er zur Niederschrift der erotischen Passagen gezwungen wurde. Wer verbirgt sich hinter dieser Intrige, die nicht nur seinen Tod forderte, sondern auch das völlige Vergessen seines Werks bedeutete? Was war es, woran er arbeitete und dessen Bekanntmachung um jeden Preis verhindert werden sollte? Monaldi & Sorti führen den Leser zu einer möglichen Antwort: Das Manuskript über den Ursprung der Welt, dem sich Bouchard zuletzt widmete, wurde in Paris unter mysteriösen Umständen von keinem Geringeren als Joseph Scaliger entdeckt, dem es als Grundstein für seine universelle Geschichtschronologie diente.


Unter den Gelehrten, die sich mit Atto Melani und seinem Secretarius auf die Insel Gorgona retten können, befinden sich sowohl ein enger Freund Bouchards als auch Vertraute Scaligers, so dass unerbittliche philosophische Dispute nicht ausbleiben. In der düsteren Atmosphäre der verlassenen Insel begeben sich die Schiffbrüchigen auf die Suche nach der Wahrheit über Bouchards Tod und über das Mysterium der Zeit und entwirren dabei möglicherweise eines der weitreichendsten Komplotte der Menschheitsgeschichte. 


Manuskripte von Jean Hardouin (1646-1729) aus der französischen Nationalbibliothek (BNF):



 

Literarischer Hochgenuss: Die Autoren über »Das Mysterium der Zeit« als Buch des Übergangs.


 

»Das Mysterium der Zeit« ist der vierte Band der Serie um Atto Melani (nach »Imprimatur«, »Secretum« und »Veritas«) und stellt einen strategischen Knotenpunkt zwischen den beiden Trilogien (zweite Trilogie in Planung) dar, die die Serie bilden. Es handelt sich um ein Übergangsbuch; jeder einzelne Aspekt – Hintergründe, Figuren, Begebenheiten und Themen – verweist auf einen Übergang, einen Wandel.


Die erste Trilogie der Serie wird direkt vom Ich-Erzähler erlebt: Am Ende von »Veritas« wird er Schriftsteller und kündigt sein Vorhaben an, das Leben von Atto Melani niederzuschreiben, so wie dieser es ihm in seinen letzten drei Lebensjahren, bevor er mit 90 starb, erzählt hat. Es ist also nicht verwunderlich, dass wir in »Mysterium« einen anderen Ich-Erzähler vorfinden: einen Secretarius im selben Alter, in dem sich der Ich-Erzähler am Ende von »Veritas« befand. Der Secretarius, der wie sein Vorgänger in der Trilogie keinen Namen hat, tritt als Einzelgänger auf und ist losgelöst von den Kernfiguren des Romans. Wenn der Ich-Erzähler der Trilogie nicht existiert (denn hinter ihm verbergen sich die Autoren), so existiert der Secretarius erst recht nicht: Hinter ihm verbirgt sich der Ich-Erzähler der Trilogie, der Schriftsteller geworden ist und hinter dem sich wiederum die Autoren verbergen.


Das Buch spielt zunächst auf einem französischen Schiff, das vom Hafen von Livorno ablegt, und schließlich auf der verlassenen Insel Gorgona im Tyrrhenischen Meer. Nach einer »unverdächtigen« Einleitung, die reich an traditionellen Seefahrtsmotiven ist, kommt es mit der Ankunft auf der Insel zu einem unerwarteten Registerwechsel. Die Piratengeschichten werden von Ereignissen ganz anderer Art in den Hintergrund gerückt: Auf der Suche nach einem geheimnisvollen Mönch aus Dalmatien, der im Besitz einer wertvollen Sammlung verlorengeglaubter altertümlicher Schriften sein soll, müssen sich die Schiffbrüchigen mit den undurchsichtigen Mechanismen der Geschichtsschreibung bzw. -fälschung auseinandersetzen.


Nicht zufällig trägt sich die Haupthandlung auf der Insel zu. Und nicht zufällig treffen die Schiffbrüchigen, die mit ihrem Hab und Gut auch jeden sichtbaren Unterschied, jede Geschichte verloren haben, auf verwirrte Figuren, von denen sie, als sie sich nach der Insel erkundigen, nur skurrile Beschreibungen erhalten, die nichts mit dem realen Ort zu tun haben, sondern den utopischen Romanen des 16. Jahrhunderts entnommen sind: Thomas Morus’ Utopia, Campanellas La Città del Sole und Rabelais’ Abbaye de Thélème (im Gargantua). Das altgriechische u-topos bedeutet »nirgendwo«


 

Die Romanfiguren sind in zwei Gruppen geteilt, die kaum etwas verbindet: Auf der einen Seite befinden sich zwei mordlustige Korsaren, die viel erlebt, aber nichts geschrieben haben; auf der anderen Seite gibt es eine kleine Gelehrtengruppe (einen Philologen, einen Bibliothekar, einen Libellisten und einen Drucksetzer), die wiederum viel gelesen und geschrieben, aber nichts erlebt haben. Zwischen diesen zwei unvereinbaren Polen sind drei Kastraten angesiedelt, unter ihnen der Protagonist der Serie, Atto Melani, der hier in seiner Jugend, als Zwanzigjähriger, dargestellt wird.


An diesen Orten des Übergangs und zwischen diesen entgegengesetzten Figurengruppen entwickeln sich die beiden Themen des Romans, das interne sowie das externe Thema. Internes Thema ist die ewige Dialektik zwischen Wahrem und Falschem in der Interpretation der Gegenwart sowie in der Rekonstruktion der Vergangenheit. Der externe rote Faden, der es »Das Mysterium der Zeit« ermöglicht, die beiden Hälften der Serie miteinander zu verbinden, sind das Meer und das Schiff als Metaphern für den Übergang des Ich-Erzählers vom erlebten zum erzählten Leben und gleichzeitig für den Übergang des menschlichen Denkens von der empirischen Logik der Gegenwart zum Glaubensbekenntnis an das Gedächtnis.


Der Übergang vom erlebtem zum erzählten Leben, von der erfahrenen Gegenwart zur erinnerten Vergangenheit ist voller Täuschungen. Die Verstrickung von gutem Glauben und böser Absicht ist unvermeidbar: Das Bedürfnis der Menschheit nach einem Stammbaum, um wenigstens so tun zu können, als wüsste man, woher man kommt, fällt im Laufe der Jahrhunderte Heerscharen von Fälschern zum Opfer, die für Geld oder aus »Sektenzugehörigkeit«, mal vereinzelt, mal in Wolfsrudeln, fälschen. Tatsächlich zeigt »Das Mysterium der Zeit«, dass ein großer Teil der Geschichte falsch oder, besser gesagt, gefälscht ist. Genau genommen gibt es nichts in der Geschichte der Menschheit, von dem wir mit Sicherheit sagen können, dass es tatsächlich geschehen ist.