07. Febr. 2024

»Ich hatte vor meinem eigenen Schatten Angst«

Mit dem Tod seines Vaters findet die idyllische Kindheit von Simon Elson ein jähes Ende. In »Geschichte der Unordnung« schreibt er mit poetischer Sprachkraft über Verlust, Verlorengehen und die emotionale Krise, die ihn immer mehr lähmt. Wir haben mit ihm über das Schreiben eines Romans und die Suche nach der eigenen Ordnung gesprochen.

Lieber Simon, Du hast ja schon mehrere Bücher über Kunst und Künstler geschrieben, aber »Geschichte der Unordnung« ist dein erster Roman. Und es ist ein Roman, der sehr persönlich ist. Was würdest du sagen ist leichter? Über andere zu schreiben oder über sich selbst?

Meine ersten Bücher über Kunst und Künstler waren Sachbücher, es ging, vereinfacht gesagt, um Informationen. Bei Romanen generell, aber bei meinem Roman ganz besonders, geht es um Gefühle, die mein Jetzt und Hier bestimmen, die oft so stark, so mächtig, und doch kaum greifbar sind.

Geschichte der Unordnung
Empfehlung
Hardcover
22,00 €

Im Zentrum des Buchs steht der Tod deines Vaters, der bei einem Unfall stirbt, als du noch sehr jung bist. Am Ende deines Buchs schreibst du: »So hatte sie begonnen, meine Geschichte der Unordnung, mit diesem Trauergefühl, das ich in meinen Bauch gedrückt hatte, immer wieder und wieder. Die Unordnung war eine Schutz-Strategie, in der sich große Kategorien vertauschten. Liebe ist Sex, dann ist sie leichter beherrschbar; Chaos ist Ruhe, man muss sein Herz an nichts binden; der Tod meines Vaters ein ewiges Leben in der Trauer. Jede gescheiterte Beziehung hatte, in kleiner Wellenform, bei mir ein Schmerz-Andenken an Papa erzeugt.« Was glaubst du: erschüttert einen jungen Menschen so ein Ereignis unweigerlich für immer oder hätte deine Geschichte trotz des Unglücks auch ganz anders verlaufen können? Oder ist das gar keine Frage, die du dir stellen würdest?

Ich glaube, dass es oft zwei Katastrophen gibt. Die erste kann man meist nicht aufhalten, zum Beispiel Unfälle, Pleiten, Scheitern, den Tod eines geliebten Menschen. Und dann, wenn man mit dem Erlebnis nicht gut umgeht, bahnt sich die zweite Katastrophe an. Bei mir lag sie in der Unterdrückung der Gefühle von Trauer und Angst. Die zweite Katastrophe kann man verhindern, und hätten wir das als Familie geschafft, wäre es auch bei uns anders gelaufen, das glaube ich schon, ja …

Porträtfoto Simon Elson
Autor:in

Simon Elson, geboren 1980 in Hamburg, schreibt in Berlin hin und wieder für »Weltkunst« und »Monopol«, eigentlich aber Bücher.

Du bist vor ungefähr 20 Jahren nach Berlin gezogen, darüber schreibst du ja auch. Haben dich Trauer und Angst immer begleitet?

Ja, sie waren immer da. Ich habe mich so an sie gewöhnt wie an ein Muttermal. Irgendwann war es zu viel, ich habe eine Panikstörung bekommen, die hat mich umgehauen mindestens ein halbes Jahr, ich hatte vor meinem eigenen Schatten Angst. Und dann habe ich angefangen, mich zu fragen: Woher kommt dieses Gefühl? Mir ist aufgefallen, ich kenne es schon von früher. In meinem Roman habe ich die Angst zurück zu meiner Jugendliebe und in meine Kindheit verfolgt … Ich wusste, ich muss die ganz grundlegenden Empfindungen freilegen, die ich immer versteckt habe. Angst, Verlorenheit … Weil es im Grunde diese Gefühle und Gedanken waren und auch noch sind, die mein Leben am meisten bestimmen.

 

Ist das Buch denn überhaupt ein Roman in deinen Augen? Die Geschichte ist ja weitestgehend wirklich deine Geschichte, oder? Die Geschichte deines Aufwachsens und auch die Geschichte deiner Angststörung. Oder anders: was macht für dich Literatur aus?

Kein Medium, auch jetzt nicht im 21. Jahrhundert, im Zeitalter der Psychologie, der Neurologie, des Internets, der KI, der synergetischen Zusammenführung von Forschungsergebnissen, auch heute ist kein Medium besser dazu geeignet, die ausufernde Geschichte der Gedanken und Gefühle zu erzählen als ein Buch. Ein Roman. Weil der Roman mir die Freiheit gibt, ganz nah ranzukommen – was bei Gefühlen ja oft bedeutet, es wird heiß, man kann sich verbrennen.

 

Wie arbeitest du, wenn du einen Roman schreibst?  

Langsam! Ohne aus dem Fenster zu schauen kann ich nicht lesen, ohne Spaziergänge nicht schreiben. Inspiration ist ein seltener Schmetterling und wirklich aus dem Bauch zu arbeiten, erfordert vielleicht manchmal auch Zeitdruck, meistens aber einfach nur Zeit.

 

Und was machst du da genau, beim Schreiben?

Ganz in Ruhe, Stück für Stück, Wort für Wort, Klarheit erlangen über die inneren Bilder, die mich beschäftigen, die Gefühle, die mich prägen, die Gedanken, die bestimmen, welchen Weg ich einschlage. Auch aus psychotherapeutischer Sicht kann man das ja, sozusagen wissenschaftlich begründet, formulieren: Es geht im Leben um Glaubenssätze. Sie können die Existenz verschönern, zerstören und alles dazwischen. Jeder Schreibende arbeitet daran, die persönlichen und kulturellen Glaubenssätze für sich freizulegen und dann umzuformulieren. Ich finde das großartig!

 

Ist die Tatsache, dass es den Roman gibt, das (vorläufige) Happy End? Oder anders gefragt: wie geht’s weiter?

Dass dieser Roman jetzt erscheint, nachdem ich schon fünf Sachbücher publiziert habe, ist für mich einfach nur schön. Was kommt danach? Weniger Angst, hoffe ich …

Auch im Gespräch