14. Febr. 2022

Christoph Elbern über seinen Roman »Hafenmörder«

Hamburg 1904: Eine mysteriöse Mordserie beunruhigt die ganze Stadt. Weil eines der Opfer an Cholera erkrankt ist, wird Bakteriologe Carl-Jakob Melcher zu Rate gezogen. In seinem historischen Kriminalroman »Hafenmörder« erzählt Christoph Elbern von einem Hamburg im Spannungsfeld von Bürgertum und Proletariat und von der Fortentwicklung der Forensik.

Wie sind Sie zum Schreiben von Kriminalromanen gekommen?

Als die Kinder aus dem Haus waren, wurde es so ruhig. Da brauchte ich etwas Aufregung. Meine erste Geschichte »Totenwald« erschien 2017 noch im Selfpublishing. Sie drehte sich um den bekannten Goehrde-Mörder aus den 80er Jahren. Meine Frau hatte mich damals auf eine Serie in der ZEIT über diesen Serienkiller aufmerksam gemacht. Ich habe eine Geschichte aus unserer Zeit darum herum erzählt. Das Schreiben machte mir Spaß, und plötzlich war ich im Flow. Und so folgten weitere Geschichten aus Lüneburg, Hamburg und dem Wendland. Alles noch unter meinem Pseudonym Klaas Kroon.

 

Wie kam Sie zu der Idee von »Hafenmörder«?

Ich wollte unbedingt einen historischen Krimi schreiben, weil mich die Verknüpfung von großer Geschichte und kleinen Dramen interessiert. Politische und gesellschaftliche Bezüge zu unserer Zeit ergeben sich da zwangsläufig. Der Anfang des 20. Jahrhunderts war eine bewegte Zeit, weil technischer und gesellschaftlicher Fortschritt auf ein in den Traditionen des 19. Jahrhunderts verharrendes Kaiserreich trafen. Da gibt es viel Stoff für Konflikte. Zum Beispiel im Spannungsfeld von Wirtschaft, Kolonialismus und Aufrüstung, aber auch zwischen Bürgertum und Proletariat. Das alles findet Platz in Hafenmörder. Es geht um einen reichen Reeder, der gegen alle Widerstände in Familie und Politik, ein Schiff bauen will und sich in einer Intrige wiederfindet.

 

Gibt es zu der Figur des Bakteriologen Carl-Jakob Melcher eine historische Figur als Vorbild?

Nein. Carl-Jakob, den sein Freund, der Polizist Martin Bucher, Zee-Jott nennt, ist eine fiktive Figur. Ich wählte einen Bakteriologen, weil er als kriminalistischer Laie anders denkt und fragt und weil er mit seinen Kenntnissen die Errungenschaften der sich rasant entwickelnden Forensik ins Spiel bringen kann. In der Geschichte taucht ein Cholerafall auf. So kommt Zee-Jott ins Spiel. Historisch zutreffend sind sein Arbeitsplatz, das Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten und dessen Leiter Bernhard Nocht, eine Nebenfigur im Roman. Ebenfalls historisch ist Polizeidirektor Gustav Roscher, der seinerzeit in Hamburg das Kriminalwesen modernisierte. Hafenmörder ist aber kein Geschichtsbuch, sondern eine spannende Kriminalgeschichte.

 

Welche Rolle spielt Hamburg in Ihrem Roman?

Ich lebe in Hamburg, und da kann ich bei jedem Schritt Geschichte greifen. Hamburg war um 1900 noch mehr als heute ein Tor zur Welt. Sowohl wirtschaftlich als auch politisch. Hamburg war der Umschlagplatz für Kolonialgüter aus aller Welt, der Hafen für Reisen in die Kolonien und der Ort, an dem die Tropenkrankheiten in Europa eintrafen. Außerdem war Hamburg im Deutschen Reich ein Nährboden für neue Ideen, für Sozialismus und Frauenrechte. Eine Stadt, in der die Kaufleute das Sagen hatten und nicht die Adligen. Die politischen Ideen, die aus Hamburg im Reichstag des noch jungen Deutschen Reiches landeten, sorgten dort regelmäßig für Unruhe. Überspitzt gesagt, stand Hamburg damals für Fortschritt und Berlin für Tradition. Tatsache ist aber auch: Es waren Hamburger und Bremer Kaufleute, die Bismarck seinerzeit gedrängt hatten, überhaupt Kolonien in Afrika zu gründen. Der eiserne Kanzler wollte das ja gar nicht. Diese wichtige und oft unrühmliche Rolle im Kolonialismus prägt die Stadt bis heute.

 

Haben Sie vor, weitere Romane mit Ihrem Protagonisten Carl-Jakob Melcher zu schreiben?

Ja. Der nächste Fall für Carl-Jakob Melcher und Martin Bucher wächst bereits auf meinem Laptop. Es geht um einen Whistleblower, um Suffragetten, um Deutsch-Ostafrika, um die Schlafkrankheit, Robert Koch … Aber mehr wird noch nicht verraten.

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